Die Stadt Wuppertal ächtet das N*Wort

Auf Antrag der Initiative Power of Color hat der Stadtrat Wuppertals in seiner letzten Sitzung des Jahres 2021 entschieden, dass das Wort Neger nicht mehr genutzt werden soll. Der Antrag wurde unverändert übernommen, „um Schwarzen Menschen und PoC ein friedvolles und diskriminierungsfreies Leben in Wuppertal zu ermöglichen“, wie es im Antrag der Initiative heißt.

Mit Hinweis auf die UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft soll eben diesen in Wuppertal ein solches Leben ermöglicht werden. Das ist nett und kostet kaum etwas. Hat aber doch ein paar Folgen, denn das Wort wird ja vor allem im satirischen, wie im Antrag selbst angemerkt, und in wissenschaftlichen Kontexten benutzt. Aus der (geschriebenen) Alltagssprache ist es längst verschwunden.

Der Antrag der Initiative wird dadurch begründet, dass das Wort Neger im pseudowissenschaftlichen Rassendiskurs genutzt wurde, um Menschen afrikanischer Herkunft herabzusetzen, oder wie es im Antrag formuliert wird: „Als europäisches Konstrukt der Kolonialzeit, wurde [Wort Neger] verwandt, um eine rassistische Unterscheidung darzustellen, Machtverhältnisse zu untermauern und unterdrückende Strukturen zu festigen.

Interessanterweise trägt die Initiative aus welchen Gründen auch immer einen Namen in englischer Sprache und nutzt diese auch im Antrag an einigen Stellen (PoC, Othering). Ich finde das erstaunlich, denn immerhin ist das die Sprache des größten jemals existierenden Kolonialreichs und eines Staates, der seine wirtschaftliche Größe auch der Tatsache verdankt, eine Sklavenhaltergesellschaft gewesen zu sein.

Auffällig ist übrigens, dass im Antrag auch von „Schwarzen Menschen“ die Rede ist. Das groß geschriebene S ist ein Hinweis darauf, dass das Adjektiv schwarz hier politisiert werden soll. Es geht nicht mehr nur um die Hautfarbe, es geht um die politisch-gesellschaftliche Bedeutung von Menschen afrikanischer Herkunft. (Übrigens im Sinne von Achille Mbembe, der zeigt, dass das Wort Afrikaner im Denken der westlichen Welt mit Schwarzen gleichsetzt wird, obwohl ein Ägypter oder ein Bure kaum in diese Kategorie fallen.)

Das Wort Neger ist, so der Antrag, abzulehnen, weil es, wie oben erwähnt, mit vielen rassistischen Stereotypen verbunden ist. Das ist bei dem Wort Schwarzer übrigens genauso, wie ein Blick auf das Werk Immanuel Kants zeigt: „Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege. Herr Hume fordert jedermann auf, ein einziges Beispiel anzuführen, da ein Neger Talente gewiesen habe, und behauptet: daß unter den hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren Ländern anderwärts verführt werden, obgleich deren sehr viele auch in Freiheit gesetzt werden, dennoch nicht ein einziger jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft, oder irgend einer andern rühmlichen Eigenschaft etwas Großes vorgestellt habe, obgleich unter den Weißen sich beständig welche aus dem niedrigsten Pöbel empor schwingen und durch vorzügliche Gaben in der Welt ein Ansehen erwerben.“

Die Verfasser des Antrags nutzen Halbwissen, das in ihren Kreisen unzählige Male wiederholt wurde, um Politik zu machen – und haben damit Erfolg. Wenn eine gewählte Institution wie ein Stadtrat beschließt die Benutzung von Wörtern einzuschränken, dann stellt dies eine Einschränkung der Meinungs-, Wissenschafts- und Kunstfreiheit da. Vor allem letzten beiden Aspekte sind ohne öffentliche Gelder kaum vorstellbar. Kann es sein, dass ein Kulturträger, der durch die Stadt Wuppertal gefördert wird, Kabarettisten vom Schlage eines Urban Priol, der in seinem Jahresrückblick Tilt 2021 das Wort Neger nutzt, um einen typischen Stammtischbruder zu karikieren, nicht mehr oder nur unter Auflagen einladen kann, weil ihm sonst das Geld entzogen wird?

Ist es möglich, dass Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Kolonialgeschichte und allem, was daran hängt, beschäftigen, auf Gelder verzichten müssen, wenn sie Zitate aus Quellen nicht kürzen, obwohl gerade in der wörtlichen Wiedergabe einer Quelle das Argument liegen kann?

Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Anfang des 20. Jahrhunderts veröffentlichte der Kunsttheoretiker Carl Einstein sein Werk „Negerplastik“. Darin vertrat er die Auffassung, dass Kunstwerke afrikanischer Herkunft gleichrangig mit jeder anderen Art von Kunst seien. Sein Essay fand große Verbreitung und sorgte dafür, dass innerhalb der westlichen Welt afrikanische Kunst ernst genommen und als Kunstwerke ausgestellt wurden. Durch Einsteins Werk geschah „die Förderung einer besseren Kenntnis und Achtung des vielfältigen Erbes, der Kultur und des Beitrags von Menschen afrikanischer Herkunft zu Entwicklung von Gesellschaften“, wie es im Antrag der Initiative Color of Power gewünscht wird.

Der Künstler Otto Freundlich formulierte 1935 die folgende Überlegung: „Denn da die Künstler […] die ehrliche, an Gegensätzen reiche Kunst der Asiaten, Neger & Indianer vorzogen, bekannten sie sich zu ihren farbigen Brüdern aller Zeiten und verbanden dadurch das hochmütige u. exclusive Europa mit dem Geistesleben der farbigen Völker. Die Künstler bekannten dadurch, daß die farbigen Völker Kulturträger ersten Ranges gewesen seien […]“.

Darf Einsteins wegweisende Werk oder der Satz Freundlichs noch zitiert werden, wenn kommunale Gelder mit im Spiel sind? Oder wird dadurch klar gemacht, dass eben nicht „jegliche Verwendung des N*Wortes rassistisch ist“, wie es die Antragsteller formulieren?

Die wahren deutsch-nationalen Rassisten, etwa der Bildhauer Fritz Behn indes nutzte zur gleichen Zeit wie Freundlich ein ganz anderes Wort, um die Faszination für afrikanische Kunst zum Ausdruck zu bringen: „Niggerei – die jetzt überall in der unmotiviertesten Weise in der bildenden Kunst grassiert. Das sind nur Modetorheiten […].“ In einem solchen Satz zeigt sich die Ablehnung.

Einen solchen Antrag zu verabschieden, ohne sich solcher Konsequenzen bewusst zu sein oder sie zu ignorieren, damit diese wohl geringste Form der Diskriminierung abgeschafft wird, während gleichzeitig die Ausländerbehörde in der Kritik steht, zu wenig flexibel im Umgang mit Migranten zu sein, ist billig.

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