Kinshasa, Hauptstadt der Demo. Rep. Kongo – Das alte Leopoldville

Der folgende Text ist eine Überblocksdarstellung zur Geschichte der Stadt Kinshasa. Sie beruht auf einem Seminar an der Fernuniversität Hagen.

Stadtgründung / Entstehungskontext

Die Hauptstadt der demokratischen Republik Kongo hat im Lauf ihrer Geschichte nicht nur ihren Namen geändert, sondern auch ihre Gestalt, so dass es mehrere Geschichten der Stadtgründung gibt.
Die älteste Geschichte beginnt um das Jahr 1300. Erst dann lassen sich eindeutige Hinweise auf eine ständige Siedlung finden, die sich an dieser Stelle des Kongo befindet. Hier ist der Fluss sehr breit und bildet so ein teichähnliches Gewässer, das zum damaligen Zeitpunkt Mpumbo genannt wurde, heute Malebo Pool heißt und zwischenzeitlich Stanley-Pool genannt wurde. An dieser Stelle gründeten verschiedene Völker der Region, allen voran die Teke, kleine Dorfgemeinschaften, deren Lebensgrundlage zunächst vor allem der Fischfang war. Doch schon bald darauf muss dort auch ein kleiner Markt entstanden sein, denn der Name der heutigen Stadt Kinshasa ist ursprünglich die Bezeichnung für eine der genannten Dorfgemeinschaften gewesen, der sich von dem Wort insasa ableitet, was eine Mischung aus den Teke-Wörtern tsasa (verkaufen) und insa (kleiner Markt) ist.
An dieser Stelle wird der Kongo auch schiffbar, so dass der kleine Markt zu einem Knotenpunkt zwischen dem Kongobecken und der Küstenregion wurde.
Die zweite Geschichte der Stadt geht auf den walisischen Entdecker und Journalisten Henry Morton Stanley zurück, der im Auftrag des belgischen Königs Leopold II. das Kongobecken erforschte.
1877 kam er das erste Mal in die Region am Mpumbo und gründete an dieser Stelle im Dezember 1881 einen Handelsposten. Ein dabei wichtigster Schritt war die Errichtung einer Eisenbahnlinie zwischen dem Küstenhafen Matadi, mit dem die Region am Mpumbo bis dahin durch tradierte Fußwege verbunden gewesen war. Dieses Vorhaben wurde innerhalb der Jahre 1890 bis 1898
umgesetzt und forderte Tausende von Arbeiterleben.
Nach Abschluss der Arbeiten wuchs die Region an, auch wenn zunächst Kintambo das Zentrum der Aktivitäten war. Der wirtschaftliche Aufschwung und die exponierte Lage als Knotenpunkt zwischen Küste und Hinterland sorgte für einen Aufschwung der Stadt, der sie immer bedeutender machte, bis 1923 Leopoldville die Stadt Boma als Hauptstadt der Kolonie Belgisch-Kongo ablöste.
Die dritte Gründungsgeschichte schließlich beginnt im Jahr 1966. Die ehemalige belgische Kolonie war zu diesem Zeitpunkt seit sechs Jahren unabhängig und hatte in dieser kurzen Zeit bereits zahlreiche politische Umbrüche erlebt. Aus diesen war der Offizier Mobutu als Machthaber hervor gegangen. Eines seiner Ziele war eine Reafrikanisierung des Landes, das er zunächst in Zaire
umbenannte. Auch die Hauptstadt des Landes folgte diesem Beispiel, so dass aus Leopoldville Kinshasa wurde.

Politische Bedeutung der Stadt

Als Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo ist Kinshasa politisches Zentrum des Landes.
In der Stadt finden sich das Parlamentsgebäude, der Präsidentenpalast und der Sitz des Verfassungsgerichtshofs. Kinshasa ist daneben aber auch Sitz des Gouverneurs der Provinz von Kinshasa und aller ihm unterstehenden Behörden.
Während der Kolonialzeit wurde Leopoldville auch zum Ort kolonialer Träume, die sich hauptsächlich in zwei nur teilweise umgesetzten Plänen verdeutlichen lassen. Zum einen sollte die Stadt durch Bautätigkeit massiv zu einem imperialen Symbol um- und ausgebaut, zum anderen sollte sie stadtplanerisch nach Rassen getrennt werden. Während die breiten Boulevards in Gombe
und Kalina von erstem zeugen, sind der Golfplatz, der Zoo und der Botanische Garten Kinshasas Reste der Idee einer Bufferzone zwischen den segregierten Stadtteilen.
Auch Marshall Mobutu setzte darauf, durch Baumaßnahmen das Antlitz der Stadt an seine politischen Vorstellungen anzupassen. Dazu gehörte etwa die Errichtung eines der modernsten Radio-Fernsehstudios der Welt im Jahre 1975, das bis heute in Betrieb ist, aber längst nicht mehr technologischen Standards entspricht, als auch der Bau des 1994 eröffneten, bis dahin größten Fußballstadions Afrikas für eine Mannschaft, deren einzige Teilnahme an einer
Fußballweltmeisterschaft 1974 war.
Auch in der Zeit nach Mobutu ging der Umbau der Stadt weiter. Unter den Präsidenten Laurent und Joseph Kabila wurde der Einfluss ostasiatischer Architekten größer. Ein Prestigeobjekt ist dabei etwa das 2019 eröffnete, durch südkoreanische Gelder finanzierte und realisierte Nationalmuseum des Kongo, in dem die Geschichte und Tradition der Völker ausgestellt werden.
In den Kongokriegen, die sich nach der Vertreibung Mobutus zutrugen, war die Einnahme Kinshasas Höhepunkt der kriegerischen Auseinandersetzung.

Gesellschaftliche Bedeutung der Stadt

Kinshasa ist Hotspot des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens des Kongo. Offensichtlich wird dies durch zahlreiche Restaurants und Bars, die sich in den einzelnen Stadtbezirken zeigen. Vor allem in den Abendstunden wird hier zu kongolesischer Musik gefeiert. Kinshasa ist für den kongolesischen Rumba und den OK-Jazz, wohl benannt nach der OK-Bar, berühmt. Daneben ist christliche Musik, in der leichte Popklänge die christliche Botschaft verkünden, sehr beliebt.
Auch die bildende Kunst ist in Kinshasa durch das nationale Kunstinstitut vertreten, in dessen Garten zahlreiche öffentliche Kunstwerke ausgestellt werden. Das Gelände wird gerne als Kulisse für Hochzeitsfeiern u. ä. genutzt.
Sport ist für Kinshasa genauso von Bedeutung. Neben dem Fußball, sind es vor allem Basketball und Radfahren, die hier intensiv und organisiert betrieben werden. Das Boxen spielt eher eine untergeordnete Rolle und doch war Kinshasa 1974 Schauplatz des Rumble in the Jungle, eines legendären Boxkampfes zwischen Muhammed Ali und George Foreman. Ali gewann den Kampf. Dem Ereignis wird bis heute durch Bilder und plastische Darstellungen gedacht.
Die Stadt Kinshasa ist Magnet für den Zuzug der Bevölkerung des Kongo und angrenzender Länder. Mit 12. Mio. Einwohnern ist sie die drittgrößte Stadt Afrikas. Die Bevölkerung ist sehr jung, was man dem Stadtbild ansieht.
Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte sich die Bevölkerung von etwa 20.000 (1926) Einwohnern afrikanischer Herkunft auf knapp 300.000 (1955) verfünfzehnfacht. Nach der Unabhängigkeit verdoppelte sich diese Zahl noch einmal und stieg dann bis 1975 auf 1,6 Mio. Anwohner an. Nach dem Ende der Kongokriege Anfang des 21. Jahrhunderts waren es etwa sieben Mio. Einwohner.
Dieser Zuzug hat mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung der Stadt zu tun. Doch sind die Zustromraten für die Behörden kaum händelbar, was dazu führt, dass außerhalb der Stadt große Slums entstehen. Gleichzeitig werden andernorts Villenviertel errichtet, deren Einwohner sich durch hohe Mauern und zum Teil bewaffnete Sicherheitsleute von der Bevölkerung absetzen.

Wirtschaftliche Bedeutung der Stadt

Kinshasa war und ist durch den Handel bestimmt. An jeder Ecke ist es möglich, Lebensmittel oder Handyguthaben zu kaufen. Dieser Handel findet auf der Straße statt. Frauen und Männer jedes Alters sitzen, knien oder stehen an kleinen Tischen und Decken und bieten ihre Produkte an.
Wirkliche Ladengeschäfte sind in vielen Fällen in der Hand indisch- oder arabischstämmiger Händler.
Neben Produkten des täglichen Bedarfs werden auch Dienstleitungen angeboten, die sich im privaten Sektor als feste Anstellung bei wohlhabenden Einwohnern der Stadt zeigen können, meistens aber eher im Bereich der Tagelöhner angesiedelt sind. All diese Tätigkeiten sind informeller Natur, sind also weder vertraglich geregelt, noch in irgendeiner Weise durch die Behörden, etwa steuerlich, lagalisiert. Eine Ausnahme davon bildet das Taxigewerbe, das
angemeldet werden muss.
Die industrielle Fertigung von Produkten hält sich in Kinshasa in Grenzen. Zwar waren etwa ein Viertel der Bewohner Kinshasa bis zur Unabhängigkeit des Kongo 1960 in der verarbeitenden Industrie beschäftigt, doch abgesehen von der Brauerei Bralima, die nahezu das gesamte Land mit Getränken versorgt, und Marsavco, einem kongolesischen Lebensmittelunternehmen, finden sich in
der Stadt kaum noch große Unternehmen dieser Art.
Die Bürokratie ist ein großer Wirtschaftsfaktor der Stadt. Zahlreiche Menschen leben direkt oder indirekt von Anstellungen beim Staat. Laut des Wirtschaftsnobelpreisträgers Angus Deaton gehört die Demokratische Republik Kongo zu denjenigen Staaten, in denen mehr als 75 Prozent der Staatsausgaben durch Entwicklungshilfe gedeckt werden, ein Großteil dessen geht in die
Personalstruktur der öffentlichen Hand und belebt so die Stadt Kinshasa.
Nach Angaben des Programms der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen (UNHABITAT) trug Kinshasa im Jahre 2016 85 % des BIP des Kongo, auch wenn nur etwa 13 % der Bevölkerung dort leben.

Religiöse Bedeutung der Stadt

Obwohl das Königreich Kongo seit dem Kontakt mit den Portugiesen den katholischen Glauben übernommen hatte, und die belgischen Kolonialisten eben diesen stärken wollten, ist die Hauptstadt der DRC protestantisch bzw. evangelikal geprägt.
Der christliche Glaube ist in Kinshasa allgegenwärtig. Kaum ein Friseursalon, eine Apotheke oder ein Taxifahrer kommt ohne Segenswunsch oder Patronat aus. Die Pfingstkirchen, von denen man unzählige findet, feiern ihre Sonntagsgottesdienste den gesamten Tag bis tief in die Nacht hinein.
Innerhalb der ersten Jahre des Bestehens von Stanleys Handelsposten wurden mit den ersten protestantischen Missionsstationen der Grundstein dafür gelegt. Die Nachfolgeorganisationen dieser Missionsstationen sind bis zum heutigen Tag als eigenständige Kirchen aktiv.
Erst 1889 folgte die Gründung eines katholischen Missionswerks, auch wenn nominell schon vorher die Region Leopoldville als Apostolische Vikariat in die Struktur der katholischen Kirche eingeliedert wurde. Seit 1959 ist die Stadt Erzdiozöse und damit Sitz eines Kardinals.
Eine besondere Stellung nimmt die Kirche der Kimbanguisten ein, eine genuin kongolesischen Gründung, die auf Simon Kimbangu zurückgeht. Dieser wurde 1890 geboren und begann sein öffentliches Wirken 1921 in Kinshasa. Kimbangu hatte religiöse Visionen, die ihn als einen besonders frommen Mann erschienen ließen. Im Namen Gottes, so heißt es, begann er Wunder zu verrichten, in dem er etwa Kranke heilte. Kimbangu erlangte schnell Berühmtheit und wurde den
belgischen Regierungsbeamten suspekt, was zu seiner Verhaftung und Inhaftierung führte, die bis zu seinem Tode 1951 andauerte. Acht Jahre später wurde die erste Kirche der neu gegründeten Religion in Kinshasa eröffnet.
Auch der Islam ist in Kinshasa vertreten. Seine Ursprünge in der Stadt gehen auch auf die Kolonialzeit zurück. Durch Stanleys Erkundung des Kongo von den Quellen bis zur Mündung kamen ostafrikanische Moslems in die Gegend von Leopoldvile und verbreiteten den Glauben Mohammeds dort. Die erste Moschee wurde allerdings erst 1925 im Bezirk Barumbu durch nigerianische Moslems gegründet.

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