Am Senegal. Europäisch-afrikanische Entdeckungsgeschichten im späten Mittelalter

1. Einleitung

„Es muss der tapfere Sinn, gewöhnt an Krieg, //Dem Feind begegnen, dem er schaden kann; // Und wenn er auf dem Festland keinen sieht, //Bekämpft die Wellen er im Ozean. // Er ist der erste König, der nun zieht // Fort von dem Vaterland nach Afrika, // Das er mit Waffen zur Erkenntnis zwingt, Dass Christi Lehre Mohammed bezwingt“.1

Mit diesen Worten besingt der portugiesische Nationaldichter Luís de Camões in seinen Lusiaden den Grund dafür, warum sich König Johann I. von Portugal, der erste aus der Linie der Avis, nach dem Sieg über und dem sich anschließenden Friedensvertrag mit Kastilien aufmachte, das Festland zu verlassen und gen Afrika zu segeln. Allzu sehr darf man dem Dichter hier freilich keinen Glauben schenken. De Camões Werk ist zielorientiert und darauf ausgerichtet die Heldentaten Portugals in der Person Vasco da Gamas zu preisen. Dessen Verdienst war es, den Seeweg nach Indien zu finden, wozu er an Afrika vorbei segeln musste. Mit diesem Wissen schrieb de Camões in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sein Werk und packte da Gama dabei in eine lange Tradition. Dem König unterstellt er edle Absichten, eben einen kriegerischen Heldenmut und den Wunsch der christlichen Mission bei einem gleichzeitigen Zurückdrängen des Islam.

a. Cadamosto und die Zeit der portugiesischen Entdeckungen

Die moderne Geschichtsschreibung indes sieht ein weniger heroisch-christliches Motiv am Werk, wenn es um den Seeweg nach Afrika geht. Der kriegerische Heldenmut wird so zur politischen Strategie Johanns die beiden Parteien zu befrieden, die sich im Erbfolgekrieg, aus dem er als Sieger hervorging, gegenüber sahen. Ein gemeinsames Angriffsziel außerhalb des eigenen Landes schien daher ein probates Mittel und 1415 eroberten die Portugiesen die nordafrikanische Stadt Ceuta, die bis dahin ein Knotenpunkt für den vor allem muslimisch dominierten Sahara- und Mittelmeerhandel gewesen war.2

Nach der Eroberung aber verlor die Stadt diese Funktion, denn der Karawanenhandel wurde nun umgelegt und Johann stand vor einem Dilemma. Sollte er sich mit reicher Beute zurückziehen und die Stadt wieder aufgeben, oder gab es eine Möglichkeit, sie als Stützpunkt zu nutzen, um weiter nach Südwesten vorzudringen und so ggf. den muslimischen Händlern ihr Monopol für die begehrten Güter Gold, Elfenbein und Pfeffer zu nehmen?

Sein Sohn Heinrich war ein großer Verfechter der zweiten Idee. Bereits 1416 entsandte er Gonzalo Velho, der über die Straße von Gibraltar hinaus segelte, allerdings nur ein wenig über bekanntes Gebiet hinaus kam.3 Dennoch veranlasste „des jungen Prinzen Gesellenstück“4 seinen Vater ihm 1418 den Oberbefehl über die Truppen in Ceuta zu geben, was Heinrich fortan nutzte, um das portugiesische Vordringen in den Atlantik entlang der afrikanischen Westküste zu organisieren.5

Bis 1433 sind fünfzehn Fahrten überliefert, die im Auftrag der Portugiesen an die afrikanische Westküste unternommen wurden. Dabei wurden verschiedene Inseln ent-, bzw wiederentdeckt. Um das Jahr 1420 herum sichtete man so die Insel Porto Santo, die bald darauf mit Menschen und zum Leidwesen der Bewohner auch mit Kaninchen besiedelt wurde.6

Wenig später kommt Madeira auf die Liste der entdeckten Inseln. Bedingt durch den Golfstrom war es den Schiffen möglich durch weiteres Ausholen in den Atlantik schneller in die Heimathäfen Portugals zurückzukommen, was 1427 dazuführte, dass Teile der Azoren entdeckt werden konnten. Das Ziel Heinrichs lag jedoch im Süden des Atlantiks, so dass er immer wieder Schiffe dorthin schickte, die die Westküste Afrikas entlang fuhren.7

Wie Hennig kritisch anmerkt, gelangten die Portugiesen erst nach dem Tod Heinrichs dabei weiter an der Küste entlang als der Karthager Hanno rund 2000 Jahre vorher.8 In diese Zeit nach dem Tode des Infanten fallen etwa die Entdeckung der Kongomündung durch Diogo Cão 1482 oder die Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung durch Bartholomäus Diaz 1487/88.

Für diese Arbeit ist dabei jedoch nicht entscheidend, wie weit die Portugiesen kamen, sondern, warum sie sich unter der Federführung Heinrichs überhaupt aufmachten, diesen Weg zu fahren. Zu Beginn hatte ich bereits auf Intentionen hingewiesen, die den Portugiesen, insbesondere König Johann, von verschiedener Seite unterstellt worden sind. Neben der dichterischen Intention von Heldenmut und Mission sah und sieht die Geschichtsschreibung vor allem politische und wirtschaftliche Beweggründe für sein Handeln.

Für Heinrich, dem die Nachwelt aufgrund seiner Leistungen den Beinamen der Seefahrer gab, existieren noch weitere Gründe, die 1453 vom portugiesischen Historiker Gomes Eanes de Azurara in seinem Werk Chronica do Descobrimento e Conquista da Guiné beschrieben wurden.9

Fasst man diesen Text zusammen, zeigt sich erstens, dass de Azurara dem Infanten unterstellte, „die Wahrheit von dem allem zu erfahren“10, was in alten Erzählungen über die Küste Afrikas verraten wurde. Zweitens war der Infant an Handel und Warenaustausch interessiert und wollte daher wissen, ob es Häfen und Produkte gab, die sich zum Handeln eigenen.11

Drittens gab es eine Antipathie gegen die Macht der muslimischen Herrscher und Händler, die in Nord- und Westafrika den Handel bestimmten und über deren Macht Heinrich „genaue Erkundigungen einzuziehen“ erhoffte, um zu klären „wie weit die Macht dieser Ungläubigen reichte“.12

Viertens „versuchte [Heinrich] herauszufinden, ob es in diesen Weltgegenden irgendwelche christlichen Fürsten gäbe“13, was ein Hinweis auf die mittelalterliche Legende des Priesterkönigs Johannes14 ist. Damit in Zusammenhang steht fünftens denjenigen Menschen, die noch keine Christen sind, „den heiligen Glauben unsere Herrn Jesu Christus“ zu verkünden und „für ihn alle Seelen zu gewinnen, die gerettet werden wollten“.15

Zwei Jahre nach dem Erscheinen der Chronica reiste der venezianische Kaufmann Alvise de Cadamosto auf ähnlichen Routen wie schon andere Seefahrer im Auftrag der portugiesischen Krone vor ihm. Seine Leistung besteht in der Tatsache, dass er seine Reise, anders als seine Vorgänger16, verschriftlich hat. Darüber hinaus ist das Werk Cadamostos nicht nur erhalten geblieben, sondern auch schnell nach der Niederschrift verbreitet worden. Das zeigt sich zum einen daran, dass bereits 1468 eine Karte Westafrikas veröffentlicht wurde, die exakt seine Ortsbezeichnungen verwendet17, zum anderen an der Zahl der Übersetzungen, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts kursieren.18

Wer aber war dieser Kaufmann, dessen Bericht sich so weit verbreitete? Um 1432 herum in eine venezianische Patrizierfamilie hineingeboren begann er bereits im Alter von zehn Jahren im Auftrag eines Vetters erste Handelsreisen im Mittelmeerraum, die ihn bis nach Kreta und Nordafrika führten. Es schlossen sich einige militärische Expeditionen an, in denen Cadamosto als Kommandeur der Bogenschützen auf Galeeren Venedigs fungierte. Bei einer dieser Expeditionen gelangte er nach Flandern.19

Beziehungen zwischen Venedig und Flandern sind bereits seit der Mitte des 13. Jahrhunderts wahrscheinlich, nachweisbar ab 1273. Im Zuge dieser Beziehungen entwickelte sich der Hafen von Lissabon zu einer wichtigen Zwischenstation zwischen Venedig und Antwerpen.20 Die Venezianer waren daher in Portugal als Seeleute bekannt, die wussten, wie man mit Schiffen umzugehen hat, wenn man weite Reisen unternehmen will. Daher verwundert es nicht, wie Cadamosto zu seinem Auftrag kam.

Jener fand sich 1454 an Bord einer Galeere nach Flandern wieder, das er aber nicht erreichen sollte, denn durch schlechtes Wetter saß das Schiff in Cabo de São Vincente fest. Für Cadamosto erwies sich diese Verzögerung jedoch als Glücksfall. Zwei Emissäre des Infanten Heinrich, einer von beiden war der Konsul Venedigs Patrizio di Conti, suchten ihn auf und versuchten den Venzianer davon zu überzeugen, nicht Flandern, sondern Madeira zum Ziel ihrer Handelsexpedition zu machen. Im Laufe des Gesprächs wurde wohl auch über die Entdeckungen und Reisen gesprochen, die Heinrich organisiert und in Auftrag gegeben hatte. Diese Informationen brachten Cadamosto dazu, im Jahr 1455 gen Afrika zu segeln.21

b. Cadamostos Reisebericht: ein grober Überblick

Cadamostos Reisebericht ist in zwei Handschriften italienischer Sprache überliefert. Keiner der beiden Texte ist von der Hand des reisenden Kaufmanns selber geschrieben, obwohl die älteste der beiden Handschriften immerhin aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt. Die jüngere ist etwa um 1520 geschrieben worden. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits eine 1507 erschienene gedruckte Fassung, so dass es nicht verwundert, dass diese späte Handschrift der Druckfassung ähnelt. Die dieser Hausarbeit zugrunde liegende Quelle ist eine deutsche Übersetzung von 1508.22 Aus diesem Jahr stammt ebenso eine lateinische, 1515 folgte eine französische Übersetzung.23

Von verschiedenen Seiten wird Cadamosto attestiert, dass sein Bericht aus den zu seiner Zeit üblichen Reiseberichten heraussticht. So lobt schon Rackl in seiner 1898 erschienen Dissertation den Bericht als einen Text, der „auf sorgfältiger Beobachtung und eingehender Forschung“ beruht, da der Text nicht nur „eine außerordentliche Fülle von wichtigen geographischen Daten“, sondern auch „höchst interessante Aufschlüsse über die Völkerstämme, die Sitten und Lebensgewohnheiten, den Handel, die Tier- und Pflanzenwelt“24 in den von ihm besuchten afrikanischen Gebieten enthielten. Geschrieben sei das Ganze zudem in einer „musterhaften[n], anziehende[n] und genauen[n] Darstellung“.25

Auch neuere Untersuchungen zeigen diese herausgehobene Stellung des Berichts. So kann Scheller durch Vergleich mit anderen Autoren der Zeit herausarbeiten, dass es Cadamosto gelinge, „die für ihn neue, fremde Welt des subsaharischen Afrikas zu verstehen“, so dass er „einen substantiellen Beitrag zum zeitgenössischen Diskursfeld Fremde“ leiste.26

Die für diese Hausarbeit als Quelle dienende deutschsprachige Übersetzung von 1508 ist Teil einer ganzen Sammlung von Reiseberichten, die die Entdeckungen des 15. Jahrhunderts dem interessierten Leser vor Augen führt. Es handelt sich um einen frühneuhochdeutschen Druck, in dem eine von dem Nürnberger Arzt Jobst Ruchamer besorgte Übersetzung herausgegeben wurde.27

Die Übersetzung gehört nach Ansicht derjenigen, die sie mit dem Original verglichen haben, zu den besseren. So wird ihr bescheinigt, „den Inhalt der Vorlage weitgehend komplett und unverfälscht“28 wiederzugeben.

Der Text gibt neben dem Bericht Cadamostos, auch zahlreiche andere Berichte, etwa diejenigen über die Reisen Vasco da Gamas, des Columbus oder Amerigo Vespuccis, wieder. Auch drei kurze Angaben über die Reise Pedro de Sintas sind direkt im Anschluss an Cadamostos Bericht hinzugefügt. Dieser wurde von Cadamosto selber aufgeschrieben, als ihm ein Freund von dieser Reise aus dem Jahr 1461 in Lissabon erzählte.29

Obwohl Cadamosto zwei Reisen entlang der westafrikanischen Küste unternommen hat, schrieb er nur einen Bericht, in dem er beide Reisen zusammenfasst. Der Text ist den beiden Reisen entsprechend chronologisch geordnet, ob aber die Beschreibungen und Begebenheiten, wie der Text suggeriert, alle auf der ersten Reise stattgefunden haben, kann bezweifelt werden.

Die deutschsprachige Übersetzung seines Berichts ist in insgesamt 47 Kapitel unterteilt. Die Kapitel 1 bis 39 berichten über die erste Reise des Venezianers, die Kapitel 40 bis 47 über die zweite Reise. Die erste Reise Cadamostos 1455 führte ihn von Portugal aus zunächst nach Porto Santo und Madeira, dann auf die Kanaren. Von dort ging es weiter zum Weißen Kap (Cap Blanco) Westafrikas im heutigen Mauretanien und danach entlang der Küste immer weiter nach Süden. Dort machte man Station an den den Portugiesen bereits bekannten Stationen im nördlichen Senegal, in Kayor, am Grünen Kap (Cap Verde) in der Nähe des heutigen Dakar, bevor man schließlich zur Mündung des Gambia vordrang und von dort, da dort die Bevölkerung wenig freundlich war und die Besatzung an Bord heim wollte, wieder zurück nach Portugal segelte.30

1456 waren, nach dem Aufbruch von Portugal, die Kanaren die erste Station auf der zweiten Reise Cadamostos. Nach kurzem Aufenthalt dort segelte das Schiff erneut zum Weißen Kap. Ihre Reise entlang der Küste wurde durch einen Sturm behindert, führte aber zur zufälligen Entdeckung der Kapverdischen Inseln, die dem Grünen Kap des Senegal gegenüber liegen. Von dort segelten die Schiffe Cadamostos weiter Richtung Gambia und bis zum Bereich des Geba im heutigen Guinea-Bissau. Obwohl die Bevölkerung sich dort aufgeschlossen zeigte, fehlte es doch an Mitteln der Kommunikation, denn die westafrikanischen Sprachen des Senegal waren dort nicht verständlich und die mitgereisten Dolmetscher konnten infolgedessen ihre Aufgabe nicht erfüllen. Oder wie es Scheller ausdrückt: „[Cadamosto] bricht seine zweite Expedition in dem Moment ab, als ein solches Verstehen [der neuen, fremden Welt des subsaharischen Afrikas] im Wortsinne nicht mehr möglich […] ist“.31

Von diesen beiden Reisen berichtet Cadamosto in seinem Text und geht dabei auf all die Dinge ein, die Rackl weiter oben schon zusammen gefasst hat. Im Weiteren soll es darum gehen, ob sich in diesem Bericht jene fünf Gründe Afrika zu bereisen, die de Azurara als Motivation des Prinzen Heinrichs ausmachte, auch bei einem der Reisenden, nämlich Cadamosto, selber zeigen.

2. Fünf Gründe

a. Wissensdurst und Neugier

„Und weil der Herr Infant die Wahrheit [über das Land südlich der Kanarischen Inseln] zu erfahren trachtete, […] sandte er, nachdem er sich vergewissert hatte, daß kein anderer Prinz etwas unternahm, seine eigenen Schiffe in diese Gegenden, um sich darüber unterrichten zu lassen“.32

So gibt de Azurara den ersten Grund Heinrichs wieder, überhaupt das Projekt der Entdeckungsfahrten entlang der afrikanischen Küste begonnen zu haben. Kurz: Der Infant ist neugierig auf das Neue und Fremde, von dem er schon sagenumwobene Geschichten gehört haben soll, etwa die des Heiligen Brandan oder von zwei verschollenen Galeeren, die bereits um das Kap Bojador in der heutigen Westsahara herum gefahren seien.33 Die Frage ist nun, ob es diese Neugierde im Bericht Cadamostos auch gibt.

Folgt man alleine der bereits zitierten weiterführenden Literatur zum Thema stellt sich die Frage nach der Neugierde Cadamostos überhaupt nicht, denn die zitierten Stellen machen klar, dass dessen Text in seiner Darstellung der Reise eine Sonderstellung innehat, die ihn von den anderen Autoren seiner Zeit, vor allen denjenigen, die Kaufleute waren, abhebt. Diese Einschätzung der Forschungsliteratur beruht vor allem auf der Vielzahl an Informationen und Details, die Cadamosto über die westafrikanischen Gesellschaften aber auch über Fauna und Flora der Regionen, die er bereiste, sammelte und verbreitete. Nun könnte man, folgt man alleine einem Autoritätsargument, dieses Kapitel schließen und sagen, dass die weiter oben zitierten Forscher die Sonderstellung Cadamostos unter den zeitgenössischen Reiseautoren bestätigen. Anderseits gilt es natürlich einen weiteren Vergleich zu machen, auf den auch Scheller hinweist.34 Der wohl bekannteste von einem Kaufmann stammende Reisebericht des Mittelalters ist sicherlich der Bericht des Marco Polo. Dieser aber schrieb seinen Bericht nicht alleine, sondern erzählte ihn im Gefängnis in Genua einem Mitgefangenen, dem Schriftsteller Rusticello de Pisa.35 Erst durch dessen Literarisierung des Reiseberichts von Marco Polo wurde dieser Bericht über die Wunder der Welt36 so berühmt.

Scheller stellt klar, dass Cadamosto keines solchen Schriftstellers bedurfte, um eine solche fesselnde und detaillierte Beschreibung zu liefern. Auch hier sehen Scheller und auch andere einen besonderen Verdienst Cadamostos, der diesem auch nicht abzusprechen ist.37 Aber, und hier darf man vielleicht ein literaturwissenschaftliches Argument machen, Cadamosto schrieb etwa hundertfünzig Jahre nach Marco Polo, Cadamosto kam zudem ebenso wie Marco Polo aus Venedig. Es ist daher anzunehmen, dass er mit dem Werk des Asienreisenden vertraut war. Ihm wird auch bewusst gewesen sein, welchen Erfolg das Werk hatte.

Macht man dieses Wissen um den Bericht Marco Polos zu einer Art Arbeitshypothese, dann ist es möglich, dass die detaillierten Beschreibungen Cadamostos eventuell eher einem geschäftsfördernden Moment geschuldet sind, das seinen Reisebericht hervorheben sollte. Darin könnte auch der Grund liegen, warum er den kurzen Bericht über die Reise Pedro de Sintas veröffentlichte. So konnte er sein langes Werk einem kurzen Bericht gegenüberstellen und so die literarische Qualität seines eigenen Werkes unterstreichen. Daher könnte eine Gegenthese zur herausragenden Stellung Cadamostos als neugieriger und Detail verliebter Reisender etwa darin bestehen, dass wir es eher mit einem Kaufmann zu tun haben, der schreiben wollte und sich daher eher als Literat denn als Kaufmann sah. Ein solcher hätte in der Reise und noch mehr in der Beschreibung der selben die Möglichkeit gesehen, sich als Schriftsteller zu verewigen. Dann wäre die Intention zum Schreiben eines solch detaillierten Berichts nicht die Neugier selber gewesen, sondern der Wunsch etwas aufzuschreiben. Es bleibt somit die Frage, ob man im Text Cadamostos Hinweise finden kann, dass er tatsächlich von Neugier getrieben war oder ob seine Intention darin bestand, zu schreiben, um einen literarisch gehaltvollen Bericht zu verfassen.

Es wäre sicher sehr spannend, dieser Frage nachzugehen, aber an dieser Stelle ist für eine ausführliche und detailreiche Analyse dieses Phänomens kein Platz. Dennoch soll auf ein paar Aspekte eingegangen werden. Eine lohnende Methode, herauszufinden, ob Cadamosto sich bei der Abschrift seines Bericht unter anderem auf Marco Polo gestützt hat, wäre die Suche nach intertextuellen Verweisen. Dabei handelt es sich um Hinweise, Anspielungen, oder ganze Übernahmen von Stilmittel und Inhalten, die Cadamosto nutzte, um seinen Bericht dem des Marco Polo anzupassen.

Ein Problem in einer solchen Analyse besteht sicherlich in der Kenntnis der italienischen Sprache des ausgehenden Mittelalters. Nur ein Vergleich der Handschriften und Originalquellen kann für eine solche Analyse wirklich zielführend sein. Da in dieser Arbeit allerdings mit einer deutschsprachigen Übersetzung gearbeitet wird, kann hier eine nur oberflächliche Betrachtung stattfinden, die aber genügen sollte, um die oben geäußerte Vermutung zumindest ansatzweise zu verifizieren bzw. falsifizieren.

Dabei entdeckt der interessierte Leser gleich zu Anfang eine Parallele zwischen dem Bericht Marco Polos und dem Bericht Cadamostos. Ebenso wie Cadamosto werden auch die Brüder Polo, auf ihrer Reise nach Asien, von einem Gesandten des Herrschers dazu animiert, ihre Reise zu unternehmen.38 Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den beiden Berichten besteht in der Rückschau auf historische Ereignisse. Sowohl Marco Polo als auch Cadamosto berichten über Großtaten von Königen. So berichtet Marco Polo etwa über die Taten des Kublai Khan, während Cadamosto über die Taten berichtet, die der König von Mali begangen hat.39

So augenfällig wie diese beiden Detailvergleiche auch sein mögen, stellen sich im Großen und Ganzen doch große Unterschiede zwischen beiden Berichten heraus. Stilistisch ist der Bericht Marco Polos etwa in viele kleine Kapitel gefasst, Cadamosto fasst einzelne Passagen in längeren Kapiteln zusammen. Auch bemerkt man in dem Bericht Marco Polos, wie es der Titel bereits sagt, einen Hang dazu, Wunder und Ähnliches darzustellen40, etwas, das Cadamosto vollkommen abgeht. Dieser beschränkt sich in der Tat auf reale Begebenheiten, und dort, wo er auf Erzählungen Dritter zurückgreift, verweist er auf Quellenangaben und macht seinen Abwägungsprozess transparent.41

Damit soll die hier nur an einzelnen Beispielen und sehr oberflächlich stattgefundene vergleichende Analyse zwischen den beiden Berichten abgeschlossen sein.

Ziel dieser Analyse war es, herauszufinden, ob die Neugier Cadamostos, die ihm von vielen Seiten attestiert wird, tatsächlich seiner Intention entspricht bzw. seinem Charakter, oder, ob die vielen Details und Schilderungen seines Berichts einzig darauf beruhen, als Literat in Erscheinung zu treten.

Die hier angewendete Methode der Intertextualität förderte im direkten Vergleich mit Marco Polos Bericht nur eine geringe literarische Übernahme zutage. Es ist daher davon auszugehen, das Cadamosto in der Tat neugierig auf das war, was er dort in Westafrika und insbesondere im Königreich des Senegal sah und worüber er berichtete.

b. Handel und Warenaustausch

„Der zweite Grund bestand in der Aussicht, daß, wenn es in diesen Gegenden christliche Völker und geschützte Häfen gab, in denen man gefahrlos vor Anker gehen konnte, eine große Zahl von Waren nach jenem Königreiche verschifft werden könnten, deren guter Absatz als gesichert gelten konnte […]; umgekehrt würde man die Produkte dieses Reiches zuhause auch importieren […]“.42

Es ist durchaus interessant zu sehen, dass der wirtschaftliche Aspekt erst auf der zweiten Position erscheint, die Neugier also, möchte man die Reihenfolge de Azuaras als Rangfolge interpretieren, höher anzusehen ist, zumal die wirtschaftlichen Interessen aus der heutigen Sicht auf den Beginn der europäischen Expansion zu überwiegen scheinen. Ist also die Neugier nur ein vorangestelltes Schmuckelement, das die wahre ökonomische Absicht kaschieren soll? Cadamosto selber ist in der Einschätzung seiner Motivation glasklar:

„Als ich aber nun sulchs vernam/ bedachte/ das ich Jung und vermügende was/ und geschickt zu erleyden alle müe und arbeyt/ und begirig zu sehen die welte/ und wunderbarliche ding […] Auch diser hoffnung/ in sulcher rayse zu erlangen gut und ere […].“43

Auch er selber stellt zunächst die Begierde nach Neuem voran, schließt aber dann mit dem Wunsch nach „gut und ere“, stellt in dieser Reihenfolge also den wirtschaftlichen Aspekt vor die Ehre. Das kann aufgrund seiner Herkunft aus einer venezianischen Kaufmannsfamilie und seinen Erfahrungen, die er, wie bereits erwähnt, in jungen Jahren auf Schiffen im Mittelmeer sammeln konnte, nicht verwundern.

Die dabei interessanteste Stelle ist die Beschreibung des stummen Handels, den er zwar nicht selber erlebt, von dem er aber hört und den er wegen der Kuriosität beschreiben muss:

„Und so sie dann das saltz auff dises wasser gebracht haben/ so machen sie dann berge alle gericht nach einander/ und yetzlicher zeychnet seinen hauffen oder berg saltzes/ mit seynem zeychen/ darnach so ziehen sie dann hinweg von disen flusse ein halbe tagreyß. Und darnach so kumpt in irem abwesen ein ander geschlecht der Morn/ die sie nicht wollen sehen lassen/ sie reden auch nicht auff iren grossen schiffen/ etwen daselbst auß einer insel here. Und so sie also daselbst das saltz sehen/ legen sie gegen ytzlichen hauffen ein anzal goldes/ und darnach ziehen sie wider ab/ und lassen das goldt und saltz daselbst bey einander ligen. Nach dem so kumen wider die andern Moren/ welcher das saltz ist. Und so in dann die anzal goldes gevelt/ so nemen sie es/ und lassen das saltz ligen/ wo inen aber das golt nicht gevelt/ so lassen sie es ligen mit sampt dem saltz/ und ziehen dann wider zurucke. Und darnach so kumen dann wider gefaren die ander Moren deren das goldt ist/ und welchen hauffen saltzes sie dann finden on das golde/ den furren sie weck/ und wen sie bedunckt/ so legen sie mer goldes zum saltze/ oder aber nimpt sein golt wider/ und lest das saltz ligen. Also diser massen treyben sie ir kauffmanschafft/ unangesehen das keyner den andern sihet noch redet. Ist also ein alte lange gewonheyt und gebrauche/ Und wie wol dises schwer ist zeglauben/ so sag ich euch aygentlich/ das ich sulches erfaren habe von vil Arabischen kaufleuten/ und auch denen von Zenagi/ und auch von andern personen den wol zeglauben ist.“44

Unter dem Aspekt des Erschließen neuer Handelsrouten ist diese Passage insofern interessant, als dass sie dem Leser des Berichts vor Augen führt, wie kompliziert der Handel ist, dass er in festen Händen ist und dass es kaum lohnen mag, das Gold, um das es in diesem Geschäft geht, unter diesen Umständen zu bekommen.

Cadamosto vertraut hier seinen Gewehrsmännern, den arabischen Kaufleute, was ein Fehler gewesen sein könnte. De Azuaras oben wiedergegebens Zitat enthält ja den ausdrücklichen Hinweis auf christliche Länder. Das könnte ein Hinweis auf die im nächsten Abschnitt zu behandelnde Antipathie gegen die muslimische Vorherrschaft sein, der man sich im 15. Jahrhundert auf der gesamten iberischen Halbinsel entledigt hatte. Es kann aber auch, sicherlich eine aus der Antipathie abgeleitete Warnung sein, sich nicht mit den Muslimen bei einem Handel einzulassen, denn diese hatten ein Monopol im Saharahandel und hätten sich dieses sicherlich nicht nehmen lassen.

Ein Hinweis darauf, dass diese Geschichte, die Cadamosto so fasziniert, eventuell ob der zu erwartenden Schwierigkeiten eher zur Abschreckung diente und eben nicht der Wahrheit entsprach, ist die Tatsache, dass die Geschichte vom stummen Handel schon sehr alt ist. Dabei geht es nicht nur um die Erwähnung dieses stummen Handels im Werk des arabischen Geographen Yaqut al Hamawi ar-Rumi, der von diesem Handel schon um das Jahr 1200 herum berichtete45 und es geht auch nicht um den Gelehrten Abu al-Hasan Ali ibn al-Husain al-Masʿūdī, der schon Mitte des 10. Jahrhunderts über diesen Handel schrieb.46 Vielmehr geht die Geschichte auf den Vater der Geschichtsschreibung selber zurück. Herodot erzählt von diesem Handel bereits in seinen Historien47. Dort gibt er wieder, was er von Kaufleuten der Katharer gehört habe. Sie sagen, es gäbe irgendwo weit ab von ihrem Einflussbereich in Afrika einen Ort, an dem sie,

„wenn sie hingekommen, erst ihre Waaren auslüden, und am Meeresstrande in der Reihe auslegten, dann wieder in die Schiffe stiegen, und einen großen Rauch anmachten; worauf dann die Eingeborenen, die den Rauch sähen, an‘s Meer kämen, und nun für die Waaren Gold hinlegten, dann aber sich wieder von den Waaren zurückzögen. Darauf fliegen die Karchedonier aus, und sähen nach. Fänden sie nun das Gold im Werthe der Waaren, so nämen sie‘s, und führen damit ab; fänden sie‘s nicht im Werthe, so stiegen sie wieder in ihre Schiffe, und warteten: dann kämen jene wieder, und legten noch mehr Gold hin, bis sie gewonnen seyen.“48

Ein Handel der sich über nahezu 2000 Jahre in dieser Weise hält und erst für einige Zeit abbricht, als der Herrscher von Mali, wie Cadamosto berichtet, probiert, einen der stummen Händler gefangen zu nehmen?49 Das es sich dabei um eine Geschichte handelt, die den Goldhandel schützen soll, ist äußerst wahrscheinlich, so dass der stumme Handel als solches mittlerweile in der Forschung angezweifelt wird.50

Wenn Cadamosto diese Geschichte an den Anfang seines Berichts stellt, dann kann davon ausgegangen werden, dass seine Leser zwar interessiert an diesem kuriosen Handel sind, aber auch gleich merken, wie schwer ein Handel in dieser unbekannten Welt sein muss. Auch Cadamosto muss dieses Gefühl gehabt haben, denn in seinem Bericht weicht das Geschäftliche immer weiter zurück. Stattdessen wird sich auf Land und Leute, Kultur und Natur konzentriert. Nur an wenigen Stellen kann man noch merken, dass der Autor des Berichts ein Kaufmann ist, der eigentlich Profit suchte.

Zu diesen Stellen gehören in erster Linie das 21. und das 31. Kapitel. Im ersten beschreibt Cadamosto, wie der Handel im Reich Budom stattfindet, also im Reich Cayor im nördwestlichen Teil dessen, was heute den Staat Senegal bezeichnet. Cadamosto reist mit allerlei Waren an und hofft auf gute Geschäfte, denn er hat gehört, dass der Herrscher des Landes „were ein redlicher manne und ein Furste welchem wer zu getrauen und das er redlichen zalte was er yemant abkauffte“.51 Zu diesen Waren gehören „spangnolische pferdt“, „wullene tuch und seyden gewant nach den mörischen sitten“.52 Sein Angebot ist genau das, was der Herrscher sich wünscht, wobei die Textilien keine große Rolle spielen, da Cadamosto nur davon schreibt „ime meyne pferdt und alles was er von mir begerte“53 gegeben zu haben. Das Geschäftsgespräch dreht sich hauptsächlich um die spanischen Pferde. Diese stellen keine Mangelware dar, denn der Budomel, so der Titel des Herrschers in Cadamostos Bericht, reist bereits mit fünfzehn Pferden an, was ein klares Zeichen seiner Macht sein soll.54

Der Budomel hatte jedoch das Problem, dass er die Bezahlung der Ware in seinem „drithalbhundert meylen“ entfertnen Hauptsitz zurückgelassen hatte. Da Cadamosto nicht auf diese, die im Übrigen aus „hundert Sclaven“ bestand, warten möchte, zieht er mit dem Budomel in dessen Residenz.

Auch dort wird Handel getrieben, den sich Cadamosto im 31. Kapitel seines Berichts ansieht. Waren seine Erwartungen vor und beim Aufeinandertreffen mit dem Budomel noch groß, so erhalten sie beim Anblick des Jahrmarktes einen Dämpfer. Auf diesem Markt, der zwei Mal die Woche, montags und freitags, stattfindet, erkennt er recht schnell, dass „dyses volcke sere arm was“.55 So findet er dort nicht sehr viel Baumwolle, aber Hirse in Holzbehältern, Decken aus Palmblättern und „sunst allerley ding so sie gebrauchen zu irem wesen“56. Daneben aber wird auch Gold angeboten, „aber des was nicht viel“.57

Vergleicht man das von Cadamosto Beschriebene mit den Erwartungen der Portugiesen, so wirkt der Markt in der Residenz des Budomel doch klein und unbedeutend für den Handel mit Portugal, zumal dort Tauschhandel vorherrscht und Münzen unbekannt sind.58 Mit dem Wissen, das heute über den innerafrikanischen Goldhandel bekannt ist, ist klar, warum der erhoffte Goldhandel ausbleiben musste. Das älteste Abbaugebiet für Gold in Westafrika, Bambuck, lag zwar am Senegal, aber am Oberlauf.59 Der Handel mit Gold von dort sowie mit den nahe gelegenen Minen von Boulé an der Quelle des Niger war zunächst über das Reich Ghana60, dann durch Mali61 und später, Ende des 16. Jahrhunderts durch das Reich der Songhai62 kontrolliert worden, die Küstenbewohner hatten davon nur peripher profitieren können.

Als Cadamosto anreiste, war die Region politisch wenig geordnet. Das Reich Mali, über dessen Herrscher er berichtet, war bereits im Zerfall begriffen, das Nachfolgereich der Songahi war noch nicht aufgebaut. Cadamosto und mit ihm die Portugiesen trafen auf eine Region mitten in einem Machtvakuum63. Innerhalb dessen verfügten die Wolof, die in dieser Region lebten, aber über einigen regionalen Einfluss. Spätestens mit der Gründung des abtrünnigen Futa Toro nordöstlich des Jolofreichs am Senegal durch die Fulbe in den 1490er Jahren war deren Macht, die etwa 140 Jahre andauerte, aber wieder gebrochen.64

Das von den Portugiesen gesuchte Gold wurde durch den Karawanenhandel immer Richtung Norden durch die Wüste transportiert, an der Küste musste man andere Geschäfte machen. Cadamosto und vor ihm andere Reisende begriffen dies und begannen mit dem Handel von Sklaven, die sowohl im Mutterland als auch auf den neu entdeckten und besiedelten Inseln als Arbeitskräfte eingesetzt wurden.65

c. Antipathie gegen muslimische Vorherrschaft

„Der dritte Grund bestand darin, daß die Macht der Mauren in Afrika, […] weit größer war, als allgemein angenommen wurde […]; und weil es nun jedes weisen Mannes natürliche Vorsicht gebietet, daß er sich Kenntnis über die Stärker seines Feindes verschafft, bemühte sich [Heinrich], genaue Erkundigungen einzuziehen […], wie weit die Macht dieser Irrgläubigen reichte“.66

Zwischen den beiden missionierenden monotheistischen Religionen entwickelte sich seit der Entstehung des Islam eine Konkurrenz. Da der Islam innerhalb weniger Jahre weite Teile des christlichen Nordafrikas eroberte und bis auf die Iberische Halbinsel übersetzte, war die Haltung vieler christlicher Theologen dem Islam gegenüber schon recht früh kritisch und ablehnend – besonders eben dort, wo Islam und Christentum um die Vorherrschaft kämpften. Durch die Reconquista, die zwar am Ende siegreich für die christlichen Verbündeten der Halbinsel ausging, aber bis zu diesem Ziel durch ein ständiges Auf und Ab gekennzeichnet war, war eine Abneigung gegenüber Muslimen dort besonders prägend67, zumal, wie eingangs erwähnt, das portugiesische Engagement in Afrika eigentlich darauf zurückzuführen war, das man, um eine innere Einheit zu etablieren, einen äußeren Feind suchte und diesen in den Muslimen der Stadt Ceuta gefunden hatte.68

Hinzu kommt noch ein nicht zu unterschätzender Einfluss, der sich zeitlich mit den Reisen Cadamostos und dem portugiesischen Engagement in Afrika deckt. Die Eroberung Konstantinopels 1453 durch Sultan Mehmet II. führte in Europa zu einiger antimuslimischen Mobilisierung, die durch Papst Calixtus III. angestachelt wurde. Die die gesamte Dekade der 1450er Jahre andauernden Versuche des Papstes die christlichen Herrscher zum Kampf gegen die Türken zu mobilisieren, bliebt zwar letzten Endes fruchtlos69, dürften aber dennoch nicht ohne Spuren auf Denken und Handeln einzelner christlicher Akteure gewesen sein.

So erklärt sich der dritte Grund, den de Azuara für das Interesse Heinrichs anführt. Wie aber steht es um Cadamosto? Zunächst gilt es hier den kulturellen-biographischen Hintergrund des Venezianers näher zu betrachten. Die Tatsache, dass Cadamosto bereits als Kind auf dem Mittelmeer unterwegs war, um Handel zu betreiben, ist dabei interessant. Sie erlaubt es, sich einmal näher mit dem Mittelmeerhandel auseinanderzusetzen. Ein Aspekt dieses Handels wird dabei oftmals vergessen, nämlich der Aspekt der Sprache. Ich habe bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass das Mittelmeer viel mehr Kulturen miteinander verband, als das es sie trennte, was sich in der im Handel benutzten Lingua Franca niederschlug, die auf venezianischem Dialekt, schlechtem Latein, provenzalischem und fränkischem Wortschatz und zahlreichen arabischen Einflüssen beruhte.70 Daraus wird ersichtlich, dass eine generelle Ablehnung arabisch-muslimischer Menschen innerhalb des Handelskontakt kaum bis gar nicht existierte. Da die Lingua Franca zum Teil auf der Sprache Venedigs basiert, wird sich auch Cadamosto in dieser Sprache verständigt haben. In seiner Zeit auf dem Mittelmeer ist es höchst wahrscheinlich, dass er Kontakt mit muslimisch-arabischen Händlern hatte, ohne deren Güter der Mittelmeerhandel kaum hätte existieren können.

Vor diesem Hintergrund scheint es äußerst unwahrscheinlich, dass Cadamosto die Heinrich unterstellte Antipathie gegen Muslime teilte, auch wenn er in seinem Bericht oftmals sich selber als Christ herausstellt. Dennoch darf man ihm wohl durchaus ein Interesse daran, herauszufinden, wie weit der Einfluss der Muslime71 in Afrika reichte, unterstellen.

Der Glaube der Völker in den Orten, die er besucht, kommt in seinem Bericht immer wieder vor. Am Weißen Kap etwa gibt er eine Beschreibung der dortigen Sitten. Zwischen Essgewohnheiten und dort vorkommenden Tieren beschreibt er so in einem Satz, dass „Sye seyn des Machomets glauben“ und schiebt hinterher, ohne es weiter zu erklären, sie „sein vast veindt den Christen“.72 Im 16. Kapitel beschreibt er den Glauben der Leute im Reich des nördlichen Senegal. Hier wird er konkreter und stellt den Einfluss des muslimischen Glaubens und auch den der arabischen Muslime ausführlich dar:

„Der glaube diser vordersten Moren/ ist der glauben des Machomets/ Sie sein aber dannoch noch zumale nicht woll bevestiget in dem selbigen/ als die weyssen Moren/ und sunderlich das gemeyn volck Aber die fursten daselbst/ die halten die bösen weyse deß Machomets/ wann sie halten bey inen etliche briester von Senagi oder von Arabien/ welche sie berichten und underweysenn in dem gesetze des Machomets“.73

In diesem Abschnitt wird zum einen deutlich, dass beim Gros des Volks der Glaube noch nicht tief verwurzelt ist, zum anderen, dass die Elite des Volks durch arabische Lehrmeister beeinflusst wird. Spätestens an dieser Stelle würde man nun einen negativen Kommentar Cadamostos erwarten, wenn man davon ausging, er teile eine antimuslimische Antipathie. Dem ist aber nicht der Fall. An keiner Stelle schlägt sich eine solche Ansicht Bahn, wenn man von dem zitierten Satz aus dem neunten Kapitel über die muslimische Feindschaft der Christen gegenüber absieht, bei dem es sich auch um eine bloße Phrase handeln kann, die auf keinerlei Evidenz beruht.74

Als er mit dem Schiff weiter nach Süden fährt und am Gambia landet, trifft er ein letztes Mal auf Menschen muslimischen Glaubens, die er aber recht schnell als Menschen identifiziert, die keine Einheimischen sind:

„Es sein auch daselbst etliche die do haben des Machomets gelauben/ und dises sein leute die do reysen in der welte/ durch die lande der Moren/ und beleyben nicht stettigs in irem lande“.75

Auch an dieser Stelle findet sich kein einziges Mal ein negatives Wort über Muslime. Doch dem Auftrag, deren Einflussbereich herauszufinden, geht Cadamostos ohne Probleme und aufspürbare Abneigung nach. Oder, um es mit den Worten Schellers zu sagen:

„Als Differenzmarker strukturiert die Religion Cadamostos Erfahrung des Fremden […]. Dennoch führt dies nicht dazu, dass [er] das Fremde als negatives Gegenbild zum Eigenen beschreibt.“76

d. Suche nach anderen christlichen Herrschern

„Der vierte Grund bestand darin, daß er während der einundreißig Jahre, da er die Mauren bekriegt hatte, nie einen christlichen König noch irgendeinen Fürsten außerhalb Portugals gefunden hatte, der ihm um der Liebe unseres Heilandes willen im Kampfe beigestanden wäre. Folglich versuchte er herauszufinden, ob es in diesen Weltgegenden irgendwelche christlichen Fürsten gäbe, die von der Barmherzigkeit und Liebe Christi so durchdrungen wären, daß sie ihm im Kampfe gegen die Glaubensfeinde helfen würden“.77

De Azuara übertreibt in dieser glorifiziernden Darstellung des portugiesischen Königshauses maßlos. Dass dieses ohne Hilfe anderer christlicher Könige gegen die spanischen Moslems gezogen sei, ist schlicht unwahr. Ihm standen nicht nur seine eigenen verbündeten Fürsten, sondern auch die spanischen Herrscher zur Seite.78 Auf der anderen Seite ist es verständlich, dass de Azuara nach einem Grund sucht, warum ein christlicher Herrscher nach weiteren Herrschern dieses Glaubens in Afrika suchen sollte, denn neben Neugier mag sich kaum ein Grund finden lassen.

Damit verbunden ist die Frage, warum man als christlicher Herrscher überhaupt auf die Idee kam, jenseits Europas andere christliche Herrscher zu vermuten. Der Grund dafür hängt zusammen mit der allgegenwärtigen Gefahr, der man sich gerade auch auf der iberischen Halbinsel, aber auch im Rest Europas, durch die Muslime ausgesetzt sah. Die Eroberungen der Türken im Osten, die kulturelle Überlegenheit der arabischen Muslime in Nordafrika und nicht zuletzt deren Zugang zu begehrten Gütern konnten bei global denkenden, christlichen Gelehrten und Herrschern nur für Entsetzen sorgen.

Hinzu kam, dass im Laufe des Mittelalters durch Reiseberichte die Welt immer größer wurde und man kaum auf christliche Könige traf, auf deren Hilfe man im Kampf gegen die Muslime hoffen konnte. Der Austausch an Informationen zwischen West und Ost nahm zu, weil es zahlreiche Menschen gab, die aus dem westlichen Europa nach Osten zogen. Ideen und Vorstellungen der Menschen dort wurden dann, wenn Kreuzritter und Kaufleute bzw. ihre Begleiter zurückkamen, auch in Westeuropa verbreitet. Dazu gehörte auch die Legende vom ewig lebenden Presbyter Johannes, dem letzten noch lebenden Apostel Jesu. Diese Legende wurde nach 1160 durch einen Brief eben dieses Johannes mit noch mehr Leben gefüllt. Als Otto von Freising in seiner Chronik dann noch eine Schlacht des Johannes gegen die Muslime beschrieb, die dieser gewann, waren die Hoffnungen auf diesen Priesterkönig groß.79

Auch literarisch fand dieser Hoffnungsträger der christlichen Welt seinen Weg. Nicht nur findet sich in dem fiktiven Reisebericht John Mandevills aus dem 14. Jahrhundert eine Beschreibung von Johannes‘ Reich80, auch im Parzival Wolfram von Eschenbachs kommt er vor. Dort ist er jedoch nicht mehr der biblische Johannes, sondern der Sohn des Firefitz, des Sohnes von Parzivals Vater Gahmuret und der Schwarzen Königin Belakane, also Parzivals Halbbruder. Dieser zieht nach Taufe und Heirat mit der Gralshütterin Repanse de Schoye nach Indien und beide werden Eltern des Johannes, dessen Kinder auch alle diesen Namen tragen.81

Dass die Suche nach einer solchen Heldenfigur oder zumindest nach einem weiteren christlichen Volk jenseits der Reiche der Muslime, Grund für eine Reise sein konnte, ist so durchaus nachvollziehbar.82 Dass man diesen Kaiser von Indien, wie es bei Mandeville heißt83, aber in Afrika suchte, hat zum einen damit zu tun, dass Äthiopien mit Indien gleichgesetzt bzw. als afrikanisches Indien angesehen wurde und zum anderen, dass nicht bekannt war, wie groß der afrikanische Kontinent wirklich ist.84

Cadamosto erwähnt diese Suche mit keinem Wort. Eine Suche nach christlichen Völkern spielt in seinem Bericht gar keine Rolle. Dennoch sind seine Hinweise auf die Religion der von ihm besuchten Völker durchaus als Hinweise auf diese Suche interpretierbar. Sie spielen nicht nur eine Rolle bei der Auseinandersetzung mit dem Islam oder dem weiter unten noch zu behandelnden Missionsgedanken. Wenn er über die Bewohner Teneriffas schreibt, dass diese „haben kein glauben/ erkennen auch got nicht/ Aber etliche anbetten die Sunne/ etliche den Mone und die andern Planeten“85, dann kann dies als ein Hinweis auf die Suche nach anderen Christen gelesen werden.

Auch in Afrika selber beschreibt Cadamosto die Religion im Reich Baddibu des Fürsten Batimaussa, eine am nördlichen Ufer des Gambia gelegene Region. Dort schreibt er über den Glauben der Bevölkerung u.a., „[s]ie haben auch grossen glauben an zaubereye/ und an andere teufelliche gespenste/ aber alle erkennen sie got“.86

Die Darstellung der Suche nach einem christlichen Herrscher bzw. einem christlichen Volk ist in einem Reisebericht etwa dadurch möglich, dass der Erzähler die Glaubenspraxis und Glaubensvorstellung der besuchten Bevölkerung beschreibt, wenn er diese Suche selber nicht explizit erwähnt. So gesehen, sind diese beiden Beschreibungen nicht muslimischen Glaubens eventuell als ein Ansatzpunkt Cadamostos zu betrachten, sich auf die Suche nach Johannes gemacht zu haben, sie wären aber die beiden einzigen Hinweise darauf.

e. Christlicher Missionsgedanke

„Der fünfte Grund war sein großer Wunsch, den heiligen Glauben unseres Herrn Jesus Christus zu verbreiten und für ihn alle Seelen zu gewinnen, die gerettet werden wollten. Denn er wußte, daß der ganze Sinn von Inkartnation, Tod und Leiden unseres Herrn Jesus Chistus darin besteht, verlorene Seelen zu erretten, Seelen, die der Herr Infant durch seine eigene Anstrengung und Aufwendungen auf den Weg der Wahrheit zurückzuführen als seine schönste Opfertat betrachtete“.87

Die letzten drei Gründe de Azuaras, Afrika zu erforschen, sind allesamt religiöser Natur. Es geht gegen Muslime, um sie Suche nach dem Priester Johannes bzw. christlichen Völkern und im letzten Grund, der in dem Text de Azuaras mehr Platz einnimmt als die Gründe davor88, um die Wichtigkeit der Mission bzw. der Verbreitung des christlichen Glaubens. In dieser Aufgabe besteht eine der grundlegenden Aufgaben des Christentums. Die Pfingstgeschichte, in der der Missionsbefehl an die Jünger Jesu erteilt wird, bildet den Kern der Verbreitung des Christentums.89 Der Name Apostel geht darauf zurück und da innerhalb der katholischen Kirche die Bischöfe in der Nachfolge der Apostel stehen, bildet die Mission eine Säule kirchlicher Institution.

Insofern spielt der religiöse Aspekt neben den anderen Aspekten von Politik, Wirtschaft und Neugier ein wichtige Rolle bei der Organisation der Entdeckungsreisen und es wäre sicherlich unredlich diesen Aspekt als bloße Rhetorik abtun zu wollen. Wie wichtig dieser Aspekt tatsächlich war, zeigt sich einige Jahrzehnte nach Cadamosto bei der portugiesischen Entdeckung der Kongomündung durch Diago Cão 1482. Als Luís de Camões seine Lusiaden schreibt, erwähnt er diese Region nur an einer Stelle und stellt im fünften Gesang heraus, was die besondere Leistung der Portugiesen war:

„Dort liegt der Kongo, dessen großes Land

Wir längst bekehrten zu dem Glauben Christi […]“.90

Dieses als speziell herausgestellte Merkmal hat seinen Ursprung in der Tatsache, dass sich nur wenige Jahre nach dem Kontakt mit den Portugiesen der Mani Kongo Nzinga a Nkuwu taufen ließ und fortan als João I. regierte. Auch sein Nachfolger folgte ihm darin und regierte als getaufter Alfonso I. Seinen Sohn Henrique ließ er in Rom zum Priester weihen, so dass er zwischen 1518 und 1536 der erste Bischof des Kongo wurde.91 Dass bei diesem missionarischen Erfolg auch politische und wirtschaftliche Interessen mitschwangen, ist unbestritten, unterstreicht aber dennoch, welche Macht mit der christlichen Mission verbunden war.

Den Gedanken zur Mission spürt man auch bei Cadamosto, auch wenn er als venezianischer Kaufmann sicherlich nicht die besten theologischen Voraussetzungen hatte, erfolgreich andere vom christlichen Glauben zu überzeugen. Er ist derjenige, der das Feld bereiten soll und will. Deutlich wird das etwa dann, wenn er über die Bewohner des Senegals schreibt, dass „man sie leychtlich mochte bringen in unsern glauben“.92 So passen die weiter oben zitierten Zeilen, in denen er die Religionen der Völker beschreibt, auch zu diesem Anliegen. Die Beschreibung dient nicht nur dazu, zu zeigen, dass es sich nicht um Christen handelt, sie hat auch den Zweck, aufzuzeigen, dass es sich noch nicht um Christen handelt.

Die Auseinandersetzung mit der Religion ist für Cadamosto identifikationsstiftend. An zahlreichen Stellen bezeichnet er sich als Christ und nutzt das zur Unterscheidung zwischen sich und denjenigen, die er besucht und beschreibt.93 Insofern redet er auch mit den Einheimischen über Religion und diskutiert die jeweiligen Ansätze. Besonders im Gespräch mit dem Budomel zeigt sich das:

„Also sagte ich ime Ich wolte ime etwas sagen/ das der seyne valsch were/ und das die selbigen/ so inen sulches lerten/ wern betrieger/ und also mit vil argumenten/ und ursachen/ bewert ich inen/ das ir glaub valsch were/ und wie das der unser heylig und gerecht were. Also/ das ichs zornig machte/ die besten mayster ires glaubens/ Und der Furste lachte ime des/ und sagte das unser glaub gut wer/ wann es anders nicht möchte gesein/ so uns got so vil gutes/ zeytliche reychtumb/ und sulche vernunffte hette geben. Aber nichts deßminder sagte er/ sie hetten auch einen gutten glauben/ und das er es hielte mit guten ursachen/ das sie baß selig möchten werden dann wir Cristen/ wann got sey ein rechter furste/ und wie das er uns Cristen in diser welt hat geben/ so vil gutes/ und mancherley gaben/ und nutzung diser irdischen dingen/ Und inen Moren hete er gleychsam nichtzig geben/ gegen dem unsern zu achten. Und sulches hette uns got geben das Paradeyß/ alhie in diser welte/ aber sie solten es haben dort in jhener welte. Und in disem erzelte er etliche gute ursache/ er hette gutte verstentnuß zu einem manne/ Und gefiele ime vast wol das wesen der Cristen. Ich glaub warlichen das man ine gar leychtlichen hette mügen bekeren zum Cristlichen glauben/ so er nicht besorgt hete/ das er entsetzet möchte werden von seinem stande/ wann sein vetter bey welchem ich zu herberg was/ sagte mirs auch dermassen. Und diser sein vetter hette auch groß wolgefallen/ so ich ime sagte von unserm glauben. Und ich sagte ime das es ein gut ding were/ zu hören das wort gottes.“

Diese Passage zeigt, dass Cadamosto sich wahrlich bemüht, zu missionieren. Doch der Argumentation des Fürsten hat er nichts entgegenzusetzen. Dennoch probiert er, dieses rhetorische Geschick des Fürsten zu nutzen, um seinen Lesern den Eindruck zu vermitteln, diesem Fürsten gefiele das Christentum. Ob der Budomel aber „leychtlich“ zum Christentum bekehrt hätte werden können, wie Cadamosto meint, scheint doch fraglich. Zu sehr ist der Budomel in seinen Ansichten gefestigt. Sein Argument macht deutlich, dass er fest glaubt, durch den Islam in Ewigkeit gut leben zu können, während das Christentum ihm nur ein begrenztes gutes Leben im Hier und Jetzt garantiere. Cadamostos Reaktion darauf ist dann auch nur das Lob des Fürsten als einen Mann von „ gutte verstentnuß zu einem manne“.

3. Zusammenfassung und Fazit

a. Sind die Gründe Heinrichs und die Cadamostos deckungsgleich?

Von den fünf von de Azuara unterstellten Gründen Heinrichs, Afrika zu erkunden, treffen drei auch auf Cadamosto zu. Zum einen ist er ganz klar von der Neugier getrieben. Ihn interessieren die Völker, die Pflanzen und Tiere in den Regionen, die er besucht. Dabei handelt es sich nicht nur um einen literarischen Trick, sondern alle Beschreibungen, die er liefert, scheinen in der Tat auf seinem Interesse und seiner Verwunderung diesen Dingen gegenüber zu beruhen.

Als Kaufmann ist ihm daran gelegen, Waren zu verkaufen und zu tauschen. Daher legt er ein besonderes Augenmerk auf die Beschreibung von Handel vor Ort. Aber auch potentielle Produkte in Gestalt von Pflanzen, Tieren und auch Menschen werden von ihm erfasst. So spiegelt sich hier das von de Azuara unterstellte Interesse der portugiesischen Krone im Interesse Cadamostos wieder.

Ein dritter gemeinsamer Grund betrifft schließlich die Mission. Cadamosto nutzt zwar die Religion als Unterscheidungsmittel, gibt aber an verschiedenen Stellen zu, dass es möglich sei, christlich zu missionieren. Seine eigenen Versuche durch Disputation eine Bekehrung zu erreichen, scheitern jedoch. Nichtsdestoweniger glaubt er daran, dass eine Bekehrung möglich sei.

Kaum oder gar keine Übereinstimmung gibt es bei der Suche nach dem Priesterkönig Johannes bzw. nach anderen christlichen Völkern und der Antipathie gegenüber Muslimen. Cadamosto sucht nicht nach Christen, die es schon gibt, sondern eher nach Völkern, die man missionieren kann. Als Christ muss er daher auch den islamischen Glauben ablehnen, doch das hat keine Auswirkungen auf das Verhalten den Muslimen gegenüber. In seinem Bericht schreibt er ausschließlich positiv über die islamischen Bewohner der von ihm bereisten Länder. Soweit arabische Händler erwähnt werden, ist ihre Darstellung ohne jede Wertung, oder sie gelten als zuverlässige Gewährmänner, wie im Falle des stummen Handels, zu dem er schreibt:

„Und wie wol dises schwer ist zeglauben/ so sag ich euch aygentlich/ das ich sulches erfaren habe von vil Arabischen kaufleuten/ und auch denen von Zenagi/ und auch von andern personen den wol zeglauben ist.“94

b. Welche Gründe hatten die Einheimischen?

Es ist natürlich schwer, Beweggründe ganzer Völker aus einem Bericht herauszulesen. Doch dort, wo Cadamosto mit einzelnen Vertretern der Bevölkerung in Kontakt tritt, lassen sich durchaus Motivationen erkennen. Zum einen ist es auch bei Ihnen die Neugier. Mehr als einmal ist es das Interesse daran einen Weißen zu sehen, das dafür sorgt, dass Cadamosto in Kontakt treten kann, so etwa am Gambia: „Auch verwunderten sie sich als sie uns sahen/ das wir weisse menschen waren“.95

Ein weiterer Grund ist auch auf Seiten der Einheimischen der Handel. Die oben beschriebene Episode mit dem Budomel, der unbedingt ein Geschäft mit dem Venezianer abschließen will, macht das sehr deutlich. Das Argument des Budomels, die Christen hätten es auf dieser Welt besser als die Schwarzen, zeigt zudem, dass er weiß, das mit den Portugiesen gute Geschäfte zu machen sind. Auch wenn er glaubt, im Jenseits erst gut leben zu können, möchte er durch diese schon im Diesseits ein wenig partizipieren.

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

a. Quellen

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1Camões, Luís de: Die Lusiaden. Os Lusíadas, übers. v. Hans-Joachim Schaeffer, hg. Rafael Arnold, Berlin 42010, S. 221 (4. Gesang, 48. Strophe).

2Benecker, Walther L./Pietschmann, Horst: Geschichte Portugals. Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, München 2001, S. 21-23.

3Vgl.: Terrae incognitae. Eine Zusammenstellung und kritische Bewertung der wichtigsten vorcolumbischen Entdeckungsreisen an Hand der darüber vorliegenden Originalberichte, Bd. 4, hg. v. Richard Hennig, Leiden 1943, S. 5-7.

4Ebd. S. 7.

5Vgl.: Benecker/Pietschmann: Portugal, S. 23-24.

6Vgl.: Benecke, Norbert: Der Mensch und seine Haustiere. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung, Stuttgart 1994, S, 361.

7Vgl.: Benecker/Pietschmann: Portugal, S. 23-24.

8Vgl.: Hennig: Terrae, S. 7.

9Vgl.: Die Entdeckung und Eroberung der Welt. Dokumente und Berichte, Bd. 1 Amerika, Afrika, hg. v. Urs Bitterli, München 1980, S. 186-188.

10Ebd. S. 187.

11Vgl.: Ebd.

12Ebd.

13Ebd.

14Vgl.: Knefelkamp, Ulrich: Kommentar zu Über die Macht und den Reichtum des Erzpristers Johannes, in: Die mittelalterlichen Ursprünge der europäischen Expansion, hg. v. Eberhard Schmitt (Dokumente zur Geschichte der europäischen Expansion, Bd. 1), München 1986, S. 125-126.

15Bitterli: Entdeckung, S. 187.

16Vgl.: Rackl, Joseph: Die Reisen des Venetianers Alvise de Cà da Mosto an der Westküste Afrikas (1455 u. 1456), Nürnberg 1898 (Dissertationsschrift), S. 7-8; aktueller und strukturell einordnend: Scheller, Benjamin: Verkaufen, Kaufen, Verstehen. Die Atlantikexpansion der Europäer, die Fernhändler und die neue Erfahrung des Fremden im 14. und 15. Jahrhundert, in: Michael Borgolte u. Nikolas Jaspert (Hg.): Maritimes Mittelalter: Meere als Kommunikationsräume. (Vorträge und Forschungen, Bd. 83) Ostfildern, S. 233-239.

17Vgl.: Scheller: Atlantikexpansion, S. 239.

18Vgl.: Ebd.

19Vgl.: Scheller: Atlantikexpedition, S. 241.

20Vgl.: Rackl: Reisen, S. 5-6.

21Vgl.: Scheller: Atlantikexpedition, S. 241-242.

22Vgl.: Paesi novamente retrovati – Newe unbekanthe landte. Eine digitale Edition früher Entdeckerberichte, hg. v. Norbert Ankenbauer (Editiones Electronicae Guelferbytanae, Bd. 10), Wolfenbüttel 2012, in: http://diglib.hab.de/edoc/ed000145/start.htm (03. 06. 2020), im Folgenden als Cadamosto: Senegal unter Angabe des Kapitels angegeben.

23Vgl.: Scheller: Atlantikexpedition, S. 239.

24Rackl: Reisen, S. 8.

25Ebd.

26Scheller: Atlantikexpediton, S. 240 und 241.

27Vgl.: Ankenbauer: Entdeckerberichte, cap. 3.3.2.

28Henschel, Christine: Italienische und französische Reiseberichte des 16. Jahrhunderts und ihre Übersetzungen. Über ein vernachlässigtes Kapitel der europäischen Übersetzungsgeschichte. Darmstadt 2005, S. 136, zitiert nach Anckenbauer, Entdeckerberichte, cap. 4.3.

29Anckenbauer, Entdeckerberichte, cap. 5, für de Santi besonders, cap. 5.2.

30Vgl.: Cadamosto: Senegal, cap. XXXVIII.

31Scheller: Atlantikexpedition, S. 240f.

32Bitterli: Entdeckung, S. 187.

33Vgl.: Ebd, S. 186.

34Vgl.: Scheller: Atlantikexpeditionen, S. 234f.

35Vgl.: Ebd., S. 235.

36Vgl.: Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, übers. und hrsg. von Elise Guignard, Zürich 2008, im Folgenden als Polo: Wunder unter Angaben der Kapitel angegeben.

37Vgl.: Scheller: Atlantikexpedition, S. 240f.

38Vgl.: Cadamosto: Senegal, cap. II; Polo: Wunder, cap. IV und V.

39Vgl.: Cadamosto: Senegal, cap. XI; Polo: Wunder, cap. LXXVIff.

40Vgl. bspw.: Polo: Wunder, cap. XXV-XXIX.

41Vgl.: Cadamosto: Senegal, cap. XI, besonders der Abschnitt über den stummen Handel. Hier sei angemerkt, dass Cadamosto in cap. XXXII zwar von den Zauberern des Senegal berichtet, er in seiner Beschreibung deren Praktiken aber nichts Zauberhaftes, dafür aber veterinärmedizinisches Wissen hervorhebt.

42Bitterli: Entdeckung, S. 187.

43Cadamosto: Senegal, cap. II.

44Cadamosto: Senegal, cap. XI.

45Vgl.: Scheller: Atalantikexpedition, S. 244f.

46Vgl.: Fauvelle, François-Xavier: Das goldene Rhinozeros. Afrika im Mittelalter, München 2017, S. 143.

47Vgl.: Fischer, Rudolf: Gold, Salz und Sklaven. Die Geschichte der großen westafrikanischen Sudanreiche, Tübingen 1982, S. 47

48Herodot: Historien, IV 196, zitiert nach: Herodotus: Geschichte Bd. 5, übers. von. Adolf Schöll, München 1829, S. 557ff.

49Vgl.: Cadamosto: Senegal, cap. XII.

50Vgl.: Scheller: Atlantikexpeditionen, S. 245.

51Cadamosto: Senegal, cap. XXI.

52Ebd.

53Ebd.

54Die Nutzung und die Bedeutung der Pferde im Senegambia für den Aufstieg der sogenannten Cavallery States hat bereits Robin Law herausgearbeitet: Law, Robin: The Horse in West African History. The role of the horse in the societies of pre-colonial West Africa, Oxford 1980.

55Cadamosto: Senegal, cap. XXXI.

56Ebd.

57Ebd.

58Vgl.: Ebd.

59Vgl.: Iliffe, John: Geschichte Afrikas, München ²2000, S. 70f.

60Vgl.: Fischer, Gold, S. 45-48.

61Vgl.: Sonderegger, Arno: Kurze Geschichte Afrikas. Von den Anfängen bis 1600, Wiesbaden 2017, S. 148.

62Vgl.: Iliffe: Afrika, S. 98.

63Vgl.: Sonderegger: Afrika, S. 150.

64Vgl.: Ebd.; Iliffe: Afrika, S. 188.

65Vgl.: Iliffe, Afrika, S. 188 und Speitkamp, Winfried: Kleine Geschichte Afrikas, Stuttgart 2009, S. 109.

66Bitterli: Entdeckung, S. 187.

67Eine gute Zusammenfassung über diese Auseinandersetzung in kultureller und kriegerische Weise bietet: Clot, André: Das maurische Spanien. 800 Jahre islamische Hochkultur in Al Andalus, Düsseldorf 2004.

68Vgl.: Benecker/Pietschmann: Portugal, S. 21-23.

69Vgl.: Hennig: Terrae, S. 204f.

70Vgl.: Schnickmann, Heiko: Die Theorie der Monogenese von Pidgin- und Kreolsprachen, München 2007, S. 13 und 15.

71Es gibt numismatische Hinweise darauf, dass der Einfluss der Muslime auf den Goldhandel in der Zeit des späten Mittelalters sank, vgl.: Messier, Ronald A.: Dinars as Historical Texts. Documenting the African Gold Trade, in: Kathleen Bickford Berzock (Hg.): Cravans of Gold, Fragments in Time, Art, Culture, and Exchange across Medieval Saharan Africa, Princton/Oxford 2019, S. 209.

72Cadamosto: Senegal, cap. IX.

73Ebd., cap. XVI.

74Der Hinweis auf die oben erwähnten „bösen weyse deß Mechomets“ ist freilich für einen Christen seine Standardfloskel, die kaum als Evidenz für eine Antipathie dienen kann.

75Cadamosto: Senegal, cap. XLIII.

76Scheller: Altantikexpedition, S. 256.

77Bitterli: Entdeckung, S. 187.

78Vgl.: Clot: Andalusien, 252-254.

79Vgl.: Knefelkamp: Johannes, S. 125f.

80Vgl.: Mandeville, John: Vom heiligen Land ins ferne Asien 1322- 1356, hrsg. und übers. von Christian Buggisch, Lenningen 2004, S. 252-283.

81Vgl.: Wolfram von Eschenbach, Parzival, II, 16, 822.

82Noch Vasco da Gama war von der Suche nach diesem Volk beseelt und war überzeugt, die Hindus, die er in Indien antraf, seien Christen, vgl.: Fauvelle: Rhinozeros, S. 272f.

83Vgl.: Mandeville, Asien, S. 252.

84Vgl.: Knefelkamp: Johannes, S. 125f.

85Cadamosto: Senegal, cap: VIII

86Cadamosto: Senegal, cap. XLIII

87Bitterli: Entdeckung, S. 187f.

88In Bitterlis Ausgabe sind es ganze 19 Zeilen, während die anderen Gründe zwischen sieben und zehn Zeilen wechseln, vgl.: Bitterli, Entdeckungen, S. 187f.

89Vgl.: Apostelgeschichte 1,2.

90Camões: Lusiaden, S. 259 (5. Gesang, 13. Strophe).

91Vgl.: Sonderegger: Afrika, S.205f.

92Cadamosto: Senegal, cap. X.

93Vgl.: Scheller: Atlantikexpedition, S. 256.

94Cadamosto: Senegal, cap. XI.

95Cadamosto: Senegal, cap. XLI.

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